Graburne

Objekt Graburne
Kultur Borneo, Nordwest-, Malaysia, Sabah oder Sarawak, Iban oder Dussun
Zeit Spätes 19. Jahrhundert (?)
Maße Höhe: 107cm, Durchmesser: 28 cm
Material Eisenholz

Hierbei handelt es sich um eine Graburne, die aus einem Eisenholzstamm hohl geschnitzt und mit Motiven wie Echsen und Vögeln verziert wurde. Auf dem abnehmbaren Deckel befindet sich eine stilisierte Krabbe (aso?) als Griff.

In Borneo scheint unter T’ang- und Song-dynastischen chinesischen Einflüssen (8. bis 10. Jahrhundert) die Verwendung von Bestattungs-Urnen aufgekommen zu sein. Vor allem in Sabah und Sarawak wurden hölzerne Urnen für die Zweitbestattung der Gebeine verwendet. Wahrscheinlich hatten die heiligen jawet, die teilweise unermesslich wertvollen Celadon-Urnen aus der Song-Zeit im Besitz der reichsten Dayak, ursprünglich dieselbe Funktion. Echsenmotive auf der Urne deuten auf die aquatische Sphäre und dem Bezug zum Jenseits hin, denn Echsen bzw. Schlangen vertreten, wohl ursprünglich wegen der Winterstarre und Häutung, die Erneuerung und Wiedergeburt. Wahrscheinlich gehen die Echsenmotive auf abgeschwächte Formen des Krokodils zurück, das seit der Zeit der levantinischen Reiche für die Sphäre der Toten steht. Es heißt auch, die Echse habe dem Menschen die Kopfjagd gelehrt, d.h. einen Weg, in die Kreisläufe von Leben und Tod einzugreifen und damit Erneuerung zu ermöglichen. Auf der Urne finden sich auch die Darstellung eines Vierbeiners und eines Vogels, wahrscheinlich volkstümliche Darstellungen eines der Omen-Vögel des Gottes Singalang Burong als Seelen-Führer und eine freie Interpretation des Tigers, der den Kriegerstand und die Mittelwelt und Menschenwelt verkörpert. Der Deckel zeigt abstrahierte „Krabben“, die bei den Iban aso-Drachen-Derivate sind. Der Stil deutet auf eine Dusun-Gruppe als Hersteller der Urne hin. Die Tiere in dieser Konstellation stellen eine Verbindung zwischen Unterwelt bzw. aquatischer Sphäre (Echsen), Mittelwelt (Tiger) und Oberwelt (Vogel) her. Die aso-(Krabben-)Motive auf dem Deckel katalysieren die Seelenwanderung.

Die Dayak praktizieren die sekundäre Bestattung. Die Zweitbestattung ist bei nahezu allen austronesischen Ethnien üblich. Nach dem Tod wird die Leiche zunächst provisorisch aufgebahrt. Teilweise werden die Toten in geschlossenen Bestattungshäusern vor dem Langhaus aufgebahrt, bis die Mumifizierungs- und Verwesungsprozesse abgeschlossen sind. Viel später, oft erst nach Jahren, werden die Gebeine herausgenommen und endgültig beerdigt. In diesem Rahmen werden zwei Totenzeremonien veranstaltet: tantolak matei – das „Wegschieben des Todes“ – und tiwah, das „Fest der Erlösung“. Die Zeit der Wanderung der Totenseelen, die in etwa der Verwesungs- und Transformationsphase des Leichnams nach der Primärbestattung entspricht, gilt als gefährliche Phase, in denen man den Einflüssen der Geisterwelt ausgesetzt und das natürliche Gleichgewicht in Frage gestellt ist. Es ist Aufgabe von Priesterinnen (und hermaphroditischen Priestern), durch die Zeremonie des tantolak matei an einem ungeraden Tag, meist dem dritten oder siebten Tag nach der Beisetzung, das Dorf von dieser „Aura des Todes“ zu befreien. Dazu rufen sie sangiang, Schutzgeister, um Hilfe an. In diesem Kontext werden auch die Reisseelen in die Oberwelt geschickt, damit sie sich dort in Regen verwandeln und das Haus und das ganze Dorf von den Einwirkungen des Todes reinwaschen.

Das tiwah-Fest wird erst einige Monate oder auch Jahre nach einem Todesfall begangen. Meist werden mehrere Bestattungen zusammengelegt, um die aufwendigen Feiern finanzieren zu können. Außer den auf Stelzen errichteten Beinhäusern für die Endbestattung werden auch hampatong, hölzerne Plastiken, angefertigt, deren Seelen im Totenreich die Sklaven des Verstorbenen darstellen. Sie ersetzen seit dem 19. Jahrhundert die Sklaven, die ihren Herren in den Tod folgten. Am letzten Tag des tiwah wird alles, was dem Toten gehörte, und auch alle Menschen, die mit den Vorbereitungen direkt befasst waren, wie z. B. die Besitzer der Äxte (beliung), mit denen man den Sarg herstellte, oder die Schnitzer der hampatong, rituell mit geweihtem Wasser gereinigt. Die Aufgabe der Priester und Priesterinnen besteht darin, die Totenseelen während des tiwah-Festes ins Jenseits zu führen.

 

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