Ahnenschiff

Dieses bronzene Votivboot wurde zwar nicht auf Luzon, sondern auf Mindanao auf den Südlichen Philippinen gefunden, dennoch wurde es in diese Ausstellung aufgenommen, da es die Kosmologie und die symbolische Weltordnung der austronesischen Ethnien, auf der auch die gesellschaftliche Ordnung aufbaut, sehr anschaulich ins Bild setzt. Südostastatische Gemeinschaften symbolisieren ihren Zusammenhalt innerhalb der vertikalen Weltordnung in Weltebenen oft durch Schiffe.

Das gezeigte Objekt stellt ein Drachenwesen dar, dessen Leib die Form eines Bootes hat. Der Rumpf des bootsförmigen Leibes hat Beine, die ein Aufstellen oder Präsentieren auf einer ebenen Fläche möglich machen. Mittig des Decks ist ein Mast platziert, an dem zwei übereinander angeordnete Plattformen angebracht sind. Es kann sich um Plattformen für Bogenschützen handeln oder um die bei Hochseeschiffen übliche Aussichtsplattform („Ausguck“). Auf Deck sind zwei längs verlaufende Elemente erkennbar, die nicht sicher identifizierbar sind. Es kann sich um Ruderlager, Paddelbänke oder Schutzvorrichtungen bei einem Kriegsschiff handeln. Der Rand des Bootes sowie die doppelte Ausguckplattform werden von einer Reihe stehender menschlicher Gestalten mit erhobenen Armen gesäumt. Diese sind jeglicher Individualität beraubt und wirken fast wie Scherenschnitt-Figuren. Auf den zwei stegartigen Elementen auf dem Deck ist eine Reihe von Gestalten erkennbar, die sich in Hockhaltung befinden. Weitere hockende Gestalten sind auf den „Ausguckplattformen“ oder Schießplattformen platziert. Die Figuren am Rand bilden eine amorphe Reihe, die durch die erhobenen, miteinander verbundenen Hände geschlossen wird. Die am Mast befindlichen Plattformen werden durch stilisierte Schlangengruppierungen am Mast abgestützt.

Die Gestaltungselemente des Bootes zeigen typische Merkmale ostjavanischer Bronzekunst. In Ostjava wurde während der Majapahit-Periode (1292 u.Z. bis Beginn 16. Jahrhundert) der Bronzeguss in verlorener Form zu einem zuvor nie gesehenen Formen- und Motivspektrum ausgebaut. Besonders bemerkenswert ist hierbei der expressive Drachenkopf mit den übergroßen gebleckten Zähnen. Der Kopfschmuck des Drachen mit den hornartigen Fortsetzen steht klar in der Tradition chinesischer Drachendarstellungen. Die hochgezogenen Lefzen sind ein Stilelement, das sich an ostjavanischen Bronzen an Tier- und Fabelwesenköpfen antreffen lässt und das stark von tamilischen Stilmerkmalen geprägt ist. Auch das Detail der die Plattformen stützenden Schlangenformen lässt sich mit ostjavanischen Bronzen in Verbindung bringen („Flammen der Macht“, modang), die magisch machtvollen Wesenheiten zeigen. Eine dominante Gestalt kann man – außer dem Drachen selbst – nicht ausmachen. Das Boot im Ganzen scheint keine eigene Funktion anzudeuten. Es ist keine Überdachung oder sonstige Art von Deckaufbau zu erkennen, wie man sie sonst von zeitgenössischen Schiffsdarstellungen oder Bestattungsbooten kennt. Technisch gesehen kann das Boot daher nicht als Bestattungsschiff, sondern als symbolisches Objekt gewertet werden, da jegliche Vorrichtung zur Aufbahrung oder zum Transport des Toten fehlt.

Die dreifache Staffelung des Decks mit den Plattformen kann als Verweis auf die in Südostasien übliche kosmologische Gliederung in Weltebenen verstanden werden, wobei die obere Ebene – die der Ahnen und Götter – noch oft in mehrere Stufen unterteilt ist. Die hochrangigen Ahnen befinden sich hierbei auf der höchsten Ebene. Die hockenden Figuren auf den höheren Ebenen verkörpern Ahnen. Explizite Ahnendarstellungen wurden auf Java, Sumatra und Mindanao durch hindu-buddhistische und muslimische Einflüsse weitgehend verdrängt. Die angezogenen Knie nehmen Bezug auf uralte Bestattungssitten, bei denen der Verstorbene zurück in die Lage eines Embryos versetzt wird.

Das Boot kann als eine Votivgabe ostjavanischer Provenienz gewertet werden, die für den Export in eine Provinz des Reiches von Majapahit „für den barbarischen Geschmack“ vorgesehen war.

Bei dem Schiff handelt es sich um eine Dschunke chinesisch-javanischer Bauart. Philippinische bangka und ostindonesische Bootsformen haben einen Ausleger und scheinen bei der Gestaltung dieses Objektes nicht Pate gestanden zu haben. Es verkörpert mit seinem figuralen Programm die kosmologische Vorstellung ostindonesischer Ethnien mit dem Drachen bzw. der Drachenschlange als Träger der Welt. Das Objekt als Gesamtheit ist die Darstellung eines Dorfes, einer Dorfgemeinschaft unter dem Schutz des naga, des örtlichen Schutzgeistes. Durch die Tänze beschwört die Dorfgemeinschaft ihre mythische gemeinsame Abkommenschaft, verkörpert durch das Boot und die naga. Auf unterer Ebene sind die um den axis mundi tanzenden Lebenden dargestellt, die um den Dorfpfahl, d.h. den Weltenbaum, gruppiert sind und im Tanz das Urwelt-Geschehen wiederaufleben lassen. Darüber, in Ebenen gestaffelt, hocken die Ahnen, die im Rahmen der Festivals, wo solche kostbaren Besitztümer wie das Schiff präsentiert wurden, im Jenseits erhöht werden. Schiffe dieser Art sind in der Tradition bronzezeitlicher Votivobjekte zu sehen, die in Indonesien seit der Dong-Son-Zeit (400 v.u.Z.) weit verbreitet sind und über die Generationen weitergereicht werden. Sie sind Claneigentum. In der ostjavanischen Zeit wurden solche Objekte als Geschenk und Weihegabe von Singgasari und Majapahit an die Provinzen weitergereicht.

Objekt Votivschiff, Ahnenschiff 
Kultur Java (?), gefunden auf den Philippinen 1970
Zeit 13. – 15. Jahrhundert
Maße H: 39 cm   B: 31 cm
Material Bronze ( in verlorener Form gegossen )
Weiterführende Literatur Weiterführende Literatur Zurück zur Raumansicht